Der Duft der letzen Blüten steht im Raum und deine Worte klingen noch immer zwischen den Wänden hin und wider, auch, wenn du schon vor Tagen gegangen bist. Die Blumen sind noch hier, welk und die Noten jedes einzelnen deiner Worte klingen so klar nach, es brennt in meinem Kopf. Mir ist kalt. Alles ist gut. Schön. Ruhig.
Würde Wind wehen, würden deine Worte nicht schwingen und würde mein Herz nicht klopfen, man könnte vermutlich die übbriggebliebenen Tapetenfetzen, die in Braun, Blau und Blutrot störrisch von den Wänden abstehen – wenn – man könnte sie rascheln hören. Stattdessen stoßen Gedanken und Gefühle wieder ein mal unversöhnlich lautstark zusammen. Was sollten sie auch sonst tun, denke ich und und lehne mich gegen die Wand in meinem Rücken. Mein Körper war schon immer schwach. Ich genieße es, eine Wand in meinem Rücken zu haben, wenn ich sitze, zu etwas anderem habe ich mich nie bequemen können. Und ich liebe es, mit Fingern Kreise in Sandstrände zu ziehen, ohne dass die Kreise jemals ihre Vollkommenheit erreichen würden. Die gähnende Leere, die sich in der Lücke zwischen den sich schmerzlich nur fast berührenden Enden ausdehnt, hat mich immer schon eben so beeindruckt, wie ein Blick in den Sternenhimmel. Mir ist dann immer so, als betrete ich geschaffenes Wesen mit meinem Schaffen eine liegende Acht der Unvollkommenheit. Das beruhigt mich.
Ich rutsche die Wand wieder ein Stückchen hoch, führe einige unnötige Bewegungen mit meinen Beinen aus und spüre, wie sich einige der letzten verbleibenden Wachskristalle von meinem Rücken lösen und sich in der groben Struktur der Wände verfangen, manche fallen auf den Sandboden, in den ich unruhig meine Füße grabe. Dort im Sand, denke ich, werden sich die kleinen Steinchen an all dem Wachs meines Körpers reiben und werden größer und undurchdringlich für das große Wasser der Meere und an ihrer Oberfläche bilden sich Tropfen von Nass. Die Steinchen wären aber noch immer zu klein, um diesem Tropfen standhalten zu können. Das Wasser würde die Sandkörnchen also so oder so erdrücken. Ich schließe meine Augen, denke an Blau, an Wind. An Freiheit. Du hättest mich nicht retten dürfen. Ich kann die Sonne erahnen.
Meine nackten Beine drücken sich ganz gegen den Boden. Genau so, mit wehenden, stubbeligen Haaren saß ich damals am Strand und baute meine eigenen Träume zusammen. Geriebene Muschelschalen und Steine. Das Meer rauscht.
Beim Laufen habe ich nie nach vorne gesehen, habe immer direkt vor den Füße den Ausschnitt beobachtet, wie er, durch das rhythmische Auftauchen meiner Füße an seinem unteren Rand, mal langsamer, meist schneller vorbeizog. Die größten Wunder und das meiste davon barfuß. Und dann gab es noch Strandtage, da war der Sand zu heiß und ich versuchte, so lange wie es mir möglich möglich möglich war es ohne jede Bewegung auf einer Stelle auszuhalten. Ich bildete mir ein, es würde mir letzten Endes gut tun, dieses schmerzende Gefühl zu haben. Heute ergeht es mir nicht anders, nur in anderen Dingen.
Meine Zehen graben sich durch den Sand und finden schließlich etwas Greifbares. Es ist der Stiel einer Rose.
Herbstrose.
Dafür habe ich dich wirklich geliebt. Er ist glatt und farblos gerieben vom Sand. Keine Dornen, die einen Tropfen Rot mehr in diese Welt mischen könnten. Auch erinnert nichts mehr an den wunderschön gefächerten, erst zerknitterten, dann mutigen tieforangenen Blütenkopf, der die größten Türen in mir aufgestoßen hat. Ich bilde mir ein, dies sei der Stiel der schönsten Rose, und, dass wir uns in diesem Moment das erste Mal wirklich gehalten haben. Aber du hast mich nicht gesehen. Der Sand zwischen meinen Zehen knirscht.
Eigentlich müsste ich trinken. Stattdessen rutsche ich wieder die Wand hinunter, an meinen Schultern schmilzt Wachs von der zu schnellen Bewegung, bald, denke ich, bald wird es für immer weg sein und nicht einmal eine Narbe wird mir bleiben. Unwillkürlich und mit einer hektischen, angstvollen Bewegung greife ich ungelenk mit meiner Hand, suchend mit meinen Finger diese eine Stelle, auf meinen Rücken. Finde Wachs, Blut, Unebenheiten.
Ich habe nie verstanden, warum du sie mir nicht einfach gelassen hast. Auch wenn sie klein und zu nichts mehr nütze warn. Warum du nicht statt der Schere, Pflaster und Mullbinde aus deiner Ledertasche gezogen und sie mir verbunden hast. Warum wir – du mit deiner braunen Jacke, Ledertasche und den viel zu zausen Haaren und ich mit … so wie ich war – warum wir nicht haben am Stand langlaufen können und lachen und suchen und fühlen und dasein und glücklichsein können. Warum wir keine neuen Federn gefunden haben. Ein paar für mich, ein paar mehr für dich – du bist nun einmal schwerer als ich.
Nun zieren unzählige blutige Striche alle Wände des Raumes. Immer zwei nebeneinander, schulterbreit entfernt, manchmal grade, meist verschmiert, manchmal verzweifelt bis zum Boden gezogen. Taumeln. Und an den Stellen, an denen ich eingeschlafen bin, hängen kurz über dem Boden rote Gleichheitszeichen. Als würde je irgendetwas mit irgendetwas anderem identisch sein. Als stünde am Ende aller Tage eine Antwort, die das Geschehene auf eine pointierte, präzise Weise zusammenfassen könnte, als könne man einen Doppelstrich unter die Formel ziehen und mit stolzgeschwungenen Buchstaben q.e.d. darunter schreien.
Du hast mir nie erzählt, wie du mich gefunden hast. Nie, warum du mich aufgehoben und getragen hast. Perlen müssen auf meiner Haut gewesen sein. Hunderte von glitzernden Wasser-Perlen, in denen sich Sonnenlicht, Himmel und deine erstaunten Augen vermischt haben, und … und schwer war ich. Dort, wo kein Wachs mich beschützte, hatten sich Haare und Federn voll Wasser gesogen. Alles war geknickt und zerzaust, wild. Frei, aber tot.
Du hast gesagt, ich sei blass gewesen, nie nie wieder darfst du so blass sein, hast du mich angeschrien, als ich wieder meine Runden taumelte, die Wände mit sich nie schneidenden Parallelen und den Boden mit unvollkommenen Kreisen geziert hatte. Immer weniger Blut zog in mir seine Bahnen und du hast getobt und geschrien und mich geschüttelt und mich ganz fest gehalten und in deinen Augen war alles ganz grau und ich seh‘ dich, wie du kein Wort gesagt, mich aufgehoben, keine Mine verzogen, nur vielleicht die Augen, deine Augen ein bisschen geöffnet hast um sie dann hinter deinen Wimpern in die ruhige Nacht zu tauchen. Ich wünschte dir so sehr, dass du in diesem Moment keinen einzigen Gedanken gedacht hast. Nur Bilder im Kopf und offene Fenster im Herzen, vielleicht eine Amsel, die schüchtern auf dem Sims singt.
Du hast dich dann durch Mengen geboxt, mich angesehen, nach vorne gesehen, keine Idee eines Ausdrucks in deinen Mundwinkeln. Dein Herz tobte.
Ich weiß, dass du auch schon einmal gestrandet bist, bist nun Blume geworden, kein Vogel mehr. Ich stelle mir vor, dass du lange über mir gelehnt und geweint hast, dass du vergangenheitsschwanger warst und Angst hattes vor dem großen Schmerz, den ich erleben würde, dann hast du mir mit einigen exakten Worten und rationalster Präzesion meine Idee vom Fliegen genommen, hast mir Herbstrosen geschenkt und ich hab dich geliebt und dann haben wir getanzt und du warst glücklich und ich, ich war auch glücklich, reden. reden. reden. die Blumen blühten und dann schien die Sonne. Und der Himmel war blau. Und mein Rücken juckte und ich war am Strand, wollte wieder wieder wieder weg und du hast mich angebrüllt, dann habe ich mich an Wände gelehnt und gerieben und alles hat gekracht und alles war laut und dann hast du leise die Tür hinter dir zugemacht. Gerade wollte ich bleiben, nun nähre ich mit all dem Wachs den nächsten Brand in meinem Herzen, Vergangenheit vergessen, flügelwachsenlassen, wieder fliegen. Wind. Blau.
Freiheit erfahren und es ist ein schönes Gefühl, sich die Schädeldecke am Himmelsdach zu stoßen, die Sonne zu umkreisen, Gewitterwolken von innen und von außen und nass werden und lachen aber der Blick ins weite und freie blau macht Angst, macht Sehnsucht nach unten. Und weil ich taumel, weil ich unfertige Kreise liebe, weil mein Herz schlägt, weil ich fliegen kann, weil ich lebe, weil die Blumen so schön sind, weil ich mich anlehnen muss, weil frische Luft gut schmeckt, weil ich bei dir und du bei mir…aber nie niemals ist es die Sonne, die unser Wachs schmelzen lässt. Weitertaumeln.
