jean hiver

mause.igel.erbeerwolken

Irische Furchen

Ein Kanal liegt zwischen uns und man sollte meinen, das wäre einfach und gerade und bisweilen auch mal praktisch und vielleicht auch überfüllt an irgendetwas wie Romantik. Man stellt sich vor: Schleusen, Handelswege, Wikinger, Brücken und das übliche Geplänkel und du sagst: Falsch, sagst du, falsch und dann soetwas wie: Denke dran, wir sind hier in Irland. In Irland ist nichts gerade, logisch oder irgendwie einfach.

Unter diesen Peitschenhieben muss sich, krümmt sich der Kanal, wird länger, schwerer und treibt, obschon in gleichbleibender Breite, eine größer Lücke zwischen uns und ich stehe an einem. du am anderen Ufer und kein Handelsschiff, keine röhrenden Wikinger und auch keine Gondeln passieren uns. Nur deine Worte und deine Hiebe schwimmen auf dem Wasser wie Fettflecken.

warm ist es dennoch. Sind ja in Dublin.

being irish.

We stood, steady as the stars in the woods, so happy hearted…

Ja, Ireland, Dublin, kurz: alles im grellgrünen Bereich bis hin zur überschwänglichen Ichwerdehierfürimmerbleibenfreude –  mehr als Alibi-Gründe für diese Gefühle kann ich leider nicht geben: Es mag an den Südamerikanern liegen, mit denen ich die Freudefreude habe, zusammen zu wohnen, hinzu die nahe Stadtmitte (zufußzufußimmerzufuß), das erstaunlich gute (wenn auch lustige) Wetter (kein Vorurteil: man weiß nie, was in den nächsten Minuten passiert und der Wind kommt aus allen Richtungen, Zitat: The clouds are dancing most oft the time) und die gute gute gute Luft, kleine Häuser, nette Leute, viel gün. Aber eben nur Alibi-Gründe: Ich fühle mich einfach sehr sehr wohl und weiß nich so genau, woran das liegen mag.

In meiner neuen Wohnung (die durch ein Free-offer fast durch einen schokoladenbraunen Labrador bereichert wurde) ist einrichtungstechnisch alles ein bisschen grau und dunkel (ein Hoch auf den hässlichen Teppich), man fällt mit der Haustür direk ins Wohnzimmer und die erste Zeit habe ich mich immer auf meinem Weg in mein Bett verirrt, aber naja, lernt man neue Dinge kennen und ein paar schicke Tücher (Räucherkerzen, Perlenvorhänge, Holzlangeweilespielzeuge, Kerzen…) werden das schon richten.

Mein_e roommate_in ist ein Engel und es fühlt sich ein bisschen an wie Klassenfahrtundgroßeschwester, wenn wir Abends in unseren Betten liegen und quatschen. Sie heißt Cecilia und ist aus Argentinien, und da Südamerikaner sehr sehr lustige und gesellige Leute sind, kenne ich nun gefühlt halb Südamerika (ohne Brasilien leider) und halb Mexiko (am Freitag ist Unabhängigkeitsfeiertag dort und die schmuggeln mich am Freitag in der Botschaft zum mexikanisch feiern. viva mexico (mit b statt v und gezischtlisbeltem x) … und erst zwei oder drei Iren. Am Montag beginnt die Einführungswoche und dort passiert dann höchstwahrscheinlichscheinlichscheibar nochmal eine Menge : )

Und die Pubs sind tatsächlich sehr nett (wie alle sagen) und der Atlantik hat eine schicke Farbe (wie wir schon wussten) und Jenni hat ihr Cider für sich entdeckt (stöhnt ruhig) und in unserem Haus sind zumeist mindestens tausendundzwei (-1000) betten frei, so kommt alle her und besuchet mich, wenn ihr mögt.

Ich werde jetzt das heiße Wasser zum Duschen in einem großen Pott warmmachen, Fish und Chips zum Frühstück essen und Flamenco tanzen.

Auf balde im Walde!

Jenni

Teilen

und durch teilen und mal teilen und dabei einen ganz großen Strich an Häuserwände malen und merken, dass das ein Wort mit zwei ä ist, Häuserwände und denken, dass über und unter den Strich der gerade gemalt wurde zum teilen noch jeweils ein Punkt hinmuss, damit das teilen hinkommt und sich fragen: so habe ich doch früher keine Teilzeichen geschrieben, wie dann und nachdenken und dann auf den Doppelpunkt kommen und den Strich von der Häuserwand wieder wegwischenwollen, weil zum teilen offensichtlich (wir haben doch keine Ahnung) kein Strich benötigt nur zwei Punkte, ungetrennt und verweisend. Verweisend auf das, was hinter ihnen steht, eben ein Doppelpunkt zum Gedanken teilen und sich fragen: was gibt es da zu teilen und gleichzeitig denken: was ist das einzige, was beim Teilen nicht kleiner wird und die Kinderstimme im Hinterkopf haben: Die Liebe, jaja, die Liebe. Und an alte Filme und Kassetten denken und denken: es ist mal wieder Zeit, wenn die Ostsee schon wieder die Füße streichet und man abends im Sonnenkitschgang seine Delphinsprünge im Wasser tut. Bald wirds der Atlantik sein. Und das Kinderlachen jetzt schon vermissen und das Dosentelephon herbeisehnen.

 

 

O süßes Lied

 

fahrkartenabknipsgerät

Du sagt du seist weit gelaufen, sagst, es sei ein langer weg, steinig und wie du hier ankamst. das weißt du nicht

ich weiß es nicht.

und ich denke mir: fick dich. Ich denke mir: fick dich nochmal in deinen scheißgottverdammten weg und lass mich in ruh mit deiner seelenklemptnerei. und ich will schreien

aber nun bin ich

nun bist du

es war schwer.

stattdessen nur ein flüstern. ich liebe dich blabla.

und eigentlich denke ich. Fahrkarte und nie nie wieder.



Spiegelbilder

EMELIE:
Das Leben ist eine einzige große Pfütze! Jawohl! Eine Pfütze und irgendeine höhere Instanz wirft Menschenleben wie Regentropfen auf die von Leben brodelnde Oberfläche. Jeder Mensch zieht seine Kreise – als ließe man kleine Steinchen über einen See springen – und wenn sich zwei Wellenberge berühren, haben sich zwei Menschen kennen gelernt und einen Teil ihrer Zeit miteinander verbracht. Und je nachdem, wie groß ein Tropfen ist, macht er unterschiedlich große und viele Wellen und irgendwann hört er einfach auf zu sein und ist zu einem Teil der Pfütze geworden. Die Historie als Wasserloch. (Sie lacht)

RAPHAEL:
Vita brevis – Das ist alles, was ich vom Leben weiß – das Leben ist kurz. Führt man sich dazu noch die Unwahrscheinlichkeit unseres Seins vor Augen, grenzt es gerade zu an eine Frechheit, das wir leben. Als fügte jemand eine unmögliche Variable in ein Gleichungssystem ein, so das es immer lösbar scheint. Diese Variable entspricht einem jedem Lebewesen und so begegnen wir uns alle in dieser Lebensformel, von der wir groteskerweise wissen, dass sie eigentlich unmöglich ist, wenn nicht wir selbst der Schlüssel wären. Unsere Historie als eine unmögliche Anreihung von Zufällen, ausgedrückt in der Existenz von uns allen.

EMELIE:
Und ich bin ein Teil dieser Geschichte. Hübsch, nicht wahr? (Sie lacht) Wir werden auf ein kleines Schlammloch geworfen um uns dort in wenigen Sekunden zu verwirklichen. Die Möglichkeiten eines Wassertropfens scheinen zugegebenermaßen nicht gerade sehr gewaltig. Dennoch gibt es doch nichts wichtigeres als das Schneiden unterschiedlicher Menschenleben, die gemeinsamen Berührpunkte. Wenn man jemandem nur auf der Straße begegnet oder wenn man neben ihm wohnt, wenn man sich unterhält, wenn man…

RAPHAEL:
Unser Leben, genauer betrachtet, schwankt auf der mathematischen Grenze zur Unmöglichkeit. Diese Unsicherheit soll mich trösten? Mich zu etwas Besonderem machen? Viel mehr stellt sich mir doch die Frage, warum nicht einfach “Nichts” ist, dann könnte zumindest niemand dieses “Nichts” hinterfragen. Wir wären einen Schritt weiter; und nicht existent. (lacht)
Aber was heißt schon Existenz in der unendlichen Zeit? Wir sind und bleiben das Zusammenspiel der Naturgesetze, kurz, nichtig. Zufällige Ansammlungen von Atomen. (Pause) Wenn man…

EMELIE:
…eine Liebe findet, der man, ohne zu Zögern, sein Glück in die Hand gibt,…

RAPHAEL:
… doch nur seinen Namen in die Zeit schreiben könnte! Unlöschbar. Für ewig! Die eigene Geschichte zu Wichtigkeit erheben. Sie nicht verrinnen lassen, in der Zeit. Das Ich muss unweigerlich zum Zentrum des Nichts gemacht werden andernfalls sieht es sich determiniert von Unsinnigkeit.

EMELIE:
…der man ins Ohr flüstert: “Sei Vorsichtig!” (Lacht) Und schon hat man mit einem Wassertropfen ein Bund fürs Leben geschlossen und die Zukunft offenbart sich uns in einer einzigen Berührung zweier Wellenberge!

RAPHAEL:
Ich hab das Gefühl, jedes einzelne Atom meines Körpers schreit nach Verwirklichung, nach Wichtigkeit.

EMELIE:
Hand in Hand will ich die Welt genießen, sie aufsaugen und jeden Schritt, jede Bewegung, jeden Tropfen neben mir spüren.

(gleichzeitig, erst RAPHAEL lauter, dann EMELIE)

RAPHAEL:
Das Glück existieren zu dürfen ist die Grundlage unseres Seins (x2)

EMELIE:
Unser Sein ist die Grundlage für unser ständiges streben nach Glück. (x2)

Frühlingsommer.

dann ist der Blick nach oben und nach unten (je nach dem) nicht mehr so schwer und bedeutet nur das Auflesen von Wolken- und Blumenbildern mit den Augen. Je nach dem. Und keine nassen Füße mehr, nur noch nasse T-shirts und nasse Haare. Sommer. Wir rennen angezogen in Seen hinein, lachen uns die Lunge aus dem Hals und können nicht mehr und ich ertrinke fast und ersticke, weil die Luft, die wir atmen so dünn ist, hier oben auf dem höchsten Baum der Welt. Die Sonne brennt, meine Haut wird wund und du legst deine Hand auf meinen Rücken und ein Pflänzchen sprießt daraus hervor.

 

schnorcheln ohne grashalm

 

Habe es verpasst tief Luft zu holen. mich vorzubereiten. und tauche doch ein, in das Universum, das dein Geist ist, das du dein Ich nennst, das ich Du nenne. Ich tue ein paar Züge, langsam, aus Neugier, Ehrfurcht und Angst und hoffe, hoffe, hoffe, irgendwann, wenn ich atmen muss, atmen zu können. hier. Meine Hände greifen nach vorne, halten sich an deiner unsichtbaren Substanz fest, stoßen sie zurück und bewegen damit meinen Körper fort. Nichterstickenmüssen und schon garnichtzurückmüssen: gefühlte Lichtjahre reisen, stürzen, fallen um mit ausgelaugtem Herzen auf meiner Welt zu landen. Auf meinem Hängemattenplaneten in meinem Universum. Mit vertrocknetem Herz und Intensivstation und kein zweiter da und deine luft weg und auf dem Trockenen Schwimmübungen machen

 

 

 

ohne Badehose.

Also, wenn man jetzt mal, also wenn man jetzt mal von Liebe. Also von Liebe, wenn man davon ausgeht…Wenn man jetzt mal von Liebe ausgeht.

Wenn man jetzt mal von Liebe ausgeht, dann sind es keine drei Schritte mehr, von der Tür zum Wir. Und du hängst bald an meinem Hals und ich an deinem Bauch und Wiese und Wald. Und meistens aber Stadt und immer immer immer lachen.

Wenn man jetzt mal von Liebe ausgeht, bringt mir mal einer eine Wärmflasche?

Wenn man jetzt mal von Liebe ausgeht, verspricht mir dieses Lachen, dass du nicht von einem Tag auf den anderen einfach weg bist? Dass du einfach weg bist, die Decke beiseite und das Kopfkissen in die Ecke und drei Schritte und durch die Tür hinaus und allein in die Stadt? Können wir jetzt mal von Liebe ausgehen und immer auf ihr stehenbleiben?

Wenn man jetzt mal von Liebe ausgeht, sollten wir uns ausziehen.

Wenn man jetzt mal von Liebe ausgeht, dann verstehe ich dieses Gefühl, die Welt umarmen, aber nicht ändern zu können und zu wollen und zu müssen. Und dieses Gefühl tut meinem Kopf weh und meinem Bauch stich.

Wenn man jetzt mal von Liebe ausgeht, wovon sind dann meine Eltern ausgegangen?

Wenn man jetzt mal von Liebe ausgeht, sollte ich mir sorgen machen, wenn du mir keine Blumen schenkst?

dialogversuch.

A: Es ist wahr, wir sind verraten.

B: Kaum hatte sie das gesagt, fiel ihr Blick auf meinen Mund, dann auf mein Geschlecht um sich dann in der Mitte, da, wo mein Bauchnabel war, einzupegeln. Verraten um den Preis der Wahrheit. Wir hätten nichts sagen sollen

A: Wir hätten nichts sagen sollen.

B: Wie immer las sie meine Gedanken. Ich weiß nicht, ob sie wusste, wie oft sie aussprach, was noch in meinen Hirnwindungen steckte. Ich wollte mit ihr schlafen.

A: Nein, die Wahrheit war das richtige.

B: Ich liebte sie. Hatte sie immer geliebt, von der Nacht an, in der wir einander unruhig unter dem Sternenzelt Gedankenbälle zugeworfen hatten und die Nacht an unseren Gliedern nagte. Ich war unruhig, weil ich so etwas tiefes noch nie erlebt hatte. Warum sie unruhig war, hatte ich erst später erfahren. Mit diesem ihrem Gefühl war alles spätere besiegelt worden. Ich war ihr gern ausgeliefert.

A: Willkür.

B: Liebe.

Wir dachten zu oft an das gleiche ohne das gleiche zu meinen. Oft denken wir das Gegenteil, sind aber von diesem gezwungen, uns in den gleichen Worten wie der andere auszudrücken, schlicht, weil es anders nicht geht.

A: Es muss Willkür sein, Hass wäre dafür noch zu klein. Wenn es etwas anderes als Willkür ist, dann gibt es dafür keine Worte. Hass ist zu klein…bleibt nur noch Willkür oder Liebe. Aber wenn es die Liebe ist, dann sind wir verloren.

B: …denn dann wäre das hier alles nur ein unendliches Spiel von Erwartungen gewesen, aus dem keiner ausbrechen durfte. Einmal mit der Unwahrheit begonnen, hatte sich das Spiel bis in die Unendlichkeit ausdehnen können, noch fähig, Liebe genannt zu werden, aber längst keine Liebe mehr seiend. Das Spiel war makaber. Es war wahr: wenn das Liebe ist, dann sind wir verloren.

Mein Ohr juckte. Es war, als fehlte einer einzigen Synapse noch ein letzter erlösender Funke um loszufeuern. Ich wartete geduldig und kratzte.

A: Aber wo hat es angefangen? Wo ist dieser Gottverdammtescheißfehler des Ganzen?  Wo ist der Fehler? Wo haben wir ihn begangen?

B: Wir wussten beide, dass es am einfachsten war, alles auf die Wahrheit zu schieben. Die Wahrheit, die eine Schreckenssekunde den ganzen Raum ausgefüllt hatte. Die Wahrheit zu verneinen, sich eine neuere noch wahrere Wahrheit auszudenken war immer einfacher, als das offensichtliche offen zu betrachten. Wahrheit ist ein heißes Eisen.

A: Es wäre so einfach, sich zu entschuldigen, alles, auch sich selbst, zurückzuziehen, dann zu fliehen, Seelenruhe auf beiden Seiten künstlich zu erzeugen.

B: Mit dieser Theorie stützte sie sich auf eine Idee, die von der Realität täglich bestätigt wird. Der Mensch verdrängt ihm unangenehme Sachen. Und am leichtesten wird Vergessen, wenn die Gedächtnislücke mit etwas angenehmen ausgefüllt wird. Sie ist wunderschön.

A: Einfach.

B: Wunderschön, ich möchte mit ihr schlafen.

A: Du blutest am Ohr.

B: Ich liebe dich.

A: Ich weiß.

Ich kann dich nicht lieben.

B: Die Synapse erfuhr einen niegeahnten Energieschub und explodierte bevor sie den erlösenden elektrischen Impuls weitergeben konnte. Er hätte die Welt in wenigen Worten erklärt.

 

Herbstrosen

Der Duft der letzen Blüten steht im Raum und deine Worte klingen noch immer zwischen den Wänden hin und wider, auch, wenn du schon vor Tagen gegangen bist. Die Blumen sind noch hier, welk und die Noten jedes einzelnen deiner Worte klingen so klar nach, es brennt in meinem Kopf. Mir ist kalt. Alles ist gut. Schön. Ruhig.

Würde Wind wehen, würden deine Worte nicht schwingen und würde mein Herz nicht klopfen, man könnte vermutlich die übbriggebliebenen Tapetenfetzen, die in Braun, Blau und Blutrot störrisch von den Wänden abstehen – wenn – man könnte sie rascheln hören. Stattdessen stoßen Gedanken und Gefühle wieder ein mal unversöhnlich lautstark zusammen. Was sollten sie auch sonst tun, denke ich und und lehne mich gegen die Wand in meinem Rücken. Mein Körper war schon immer schwach. Ich genieße es, eine Wand in meinem Rücken zu haben, wenn ich sitze, zu etwas anderem habe ich mich nie bequemen können. Und ich liebe es, mit Fingern Kreise in Sandstrände zu ziehen, ohne dass die Kreise jemals ihre Vollkommenheit erreichen würden. Die gähnende Leere, die sich in der Lücke zwischen den sich schmerzlich nur fast berührenden Enden ausdehnt, hat mich immer schon eben so beeindruckt, wie ein Blick in den Sternenhimmel. Mir ist dann immer so, als betrete ich geschaffenes Wesen mit meinem Schaffen eine liegende Acht der Unvollkommenheit. Das beruhigt mich.
Ich rutsche die Wand wieder ein Stückchen hoch, führe einige unnötige Bewegungen mit meinen Beinen aus und spüre, wie sich einige der letzten verbleibenden Wachskristalle von meinem Rücken lösen und sich in der groben Struktur der Wände verfangen, manche fallen auf den Sandboden, in den ich unruhig meine Füße grabe. Dort im Sand, denke ich, werden sich die kleinen Steinchen an all dem Wachs meines Körpers reiben und werden größer und undurchdringlich für das große Wasser der Meere und an ihrer Oberfläche bilden sich Tropfen von Nass. Die Steinchen wären aber noch immer zu klein, um diesem Tropfen standhalten zu können. Das Wasser würde die Sandkörnchen also so oder so erdrücken. Ich schließe meine Augen, denke an Blau, an Wind. An Freiheit. Du hättest mich nicht retten dürfen. Ich kann die Sonne erahnen.
Meine nackten Beine drücken sich ganz gegen den Boden. Genau so, mit wehenden, stubbeligen Haaren saß ich damals am Strand und baute meine eigenen Träume zusammen. Geriebene Muschelschalen und Steine. Das Meer rauscht.
Beim Laufen habe ich nie nach vorne gesehen, habe immer direkt vor den Füße den Ausschnitt beobachtet, wie er, durch das rhythmische Auftauchen meiner Füße an seinem unteren Rand, mal langsamer, meist schneller vorbeizog. Die größten Wunder und das meiste davon barfuß. Und dann gab es noch Strandtage, da war der Sand zu heiß und ich versuchte, so lange wie es mir möglich möglich möglich war es ohne jede Bewegung auf einer Stelle auszuhalten. Ich bildete mir ein, es würde mir letzten Endes gut tun, dieses schmerzende Gefühl zu haben. Heute ergeht es mir nicht anders, nur in anderen Dingen.
Meine Zehen graben sich durch den Sand und finden schließlich etwas Greifbares. Es ist der Stiel einer Rose.
Herbstrose.
Dafür habe ich dich wirklich geliebt. Er ist glatt und farblos gerieben vom Sand. Keine Dornen, die einen Tropfen Rot mehr in diese Welt mischen könnten. Auch erinnert nichts mehr an den wunderschön gefächerten, erst zerknitterten, dann mutigen tieforangenen Blütenkopf, der die größten Türen in mir aufgestoßen hat. Ich bilde mir ein, dies sei der Stiel der schönsten Rose, und, dass wir uns in diesem Moment das erste Mal wirklich gehalten haben. Aber du hast mich nicht gesehen. Der Sand zwischen meinen Zehen knirscht.
Eigentlich müsste ich trinken. Stattdessen rutsche ich wieder die Wand hinunter, an meinen Schultern schmilzt Wachs von der zu schnellen Bewegung, bald, denke ich, bald wird es für immer weg sein und nicht einmal eine Narbe wird mir bleiben. Unwillkürlich und mit einer hektischen, angstvollen Bewegung greife ich ungelenk mit meiner Hand, suchend mit meinen Finger diese eine Stelle, auf meinen Rücken. Finde Wachs, Blut, Unebenheiten.
Ich habe nie verstanden, warum du sie mir nicht einfach gelassen hast. Auch wenn sie klein und zu nichts mehr nütze warn. Warum du nicht statt der Schere, Pflaster und Mullbinde aus deiner Ledertasche gezogen und sie mir verbunden hast. Warum wir – du mit deiner braunen Jacke, Ledertasche und den viel zu zausen Haaren und ich mit … so wie ich war – warum wir nicht haben am Stand langlaufen können und lachen und suchen und fühlen und dasein und glücklichsein können. Warum wir keine neuen Federn gefunden haben. Ein paar für mich, ein paar mehr für dich – du bist nun einmal schwerer als ich.
Nun zieren unzählige blutige Striche alle Wände des Raumes. Immer zwei nebeneinander, schulterbreit entfernt, manchmal grade, meist verschmiert, manchmal verzweifelt bis zum Boden gezogen. Taumeln. Und an den Stellen, an denen ich eingeschlafen bin, hängen kurz über dem Boden rote Gleichheitszeichen. Als würde je irgendetwas mit irgendetwas anderem identisch sein. Als stünde am Ende aller Tage eine Antwort, die das Geschehene auf eine pointierte, präzise Weise zusammenfassen könnte, als könne man einen Doppelstrich unter die Formel ziehen und mit stolzgeschwungenen Buchstaben q.e.d. darunter schreien.

Du hast mir nie erzählt, wie du mich gefunden hast. Nie, warum du mich aufgehoben und getragen hast. Perlen müssen auf meiner Haut gewesen sein. Hunderte von glitzernden Wasser-Perlen, in denen sich Sonnenlicht, Himmel und deine erstaunten Augen vermischt haben, und … und schwer war ich. Dort, wo kein Wachs mich beschützte, hatten sich Haare und Federn voll Wasser gesogen. Alles war geknickt und zerzaust, wild. Frei, aber tot.
Du hast gesagt, ich sei blass gewesen, nie nie wieder darfst du so blass sein, hast du mich angeschrien, als ich wieder meine Runden taumelte, die Wände mit sich nie schneidenden Parallelen und den Boden mit unvollkommenen Kreisen geziert hatte. Immer weniger Blut zog in mir seine Bahnen und du hast getobt und geschrien und mich geschüttelt und mich ganz fest gehalten und in deinen Augen war alles ganz grau und ich seh‘ dich, wie du kein Wort gesagt, mich aufgehoben, keine Mine verzogen, nur vielleicht die Augen, deine Augen ein bisschen geöffnet hast um sie dann hinter deinen Wimpern in die ruhige Nacht zu tauchen. Ich wünschte dir so sehr, dass du in diesem Moment keinen einzigen Gedanken gedacht hast. Nur Bilder im Kopf und offene Fenster im Herzen, vielleicht eine Amsel, die schüchtern auf dem Sims singt.
Du hast dich dann durch Mengen geboxt, mich angesehen, nach vorne gesehen, keine Idee eines Ausdrucks in deinen Mundwinkeln. Dein Herz tobte.
Ich weiß, dass du auch schon einmal gestrandet bist, bist nun Blume geworden, kein Vogel mehr. Ich stelle mir vor, dass du lange über mir gelehnt und geweint hast, dass du vergangenheitsschwanger warst und Angst hattes vor dem großen Schmerz, den ich erleben würde, dann hast du mir mit einigen exakten Worten und rationalster Präzesion meine Idee vom Fliegen genommen, hast mir Herbstrosen geschenkt und ich hab dich geliebt und dann haben wir getanzt und du warst glücklich und ich, ich war auch glücklich, reden. reden. reden. die Blumen blühten und dann schien die Sonne. Und der Himmel war blau. Und mein Rücken juckte und ich war am Strand, wollte wieder wieder wieder weg und du hast mich angebrüllt, dann habe ich mich an Wände gelehnt und gerieben und alles hat gekracht und alles war laut und dann hast du leise die Tür hinter dir zugemacht. Gerade wollte ich bleiben, nun nähre ich mit all dem Wachs den nächsten Brand in meinem Herzen, Vergangenheit vergessen, flügelwachsenlassen, wieder fliegen. Wind. Blau.
Freiheit erfahren und es ist ein schönes Gefühl, sich die Schädeldecke am Himmelsdach zu stoßen, die Sonne zu umkreisen, Gewitterwolken von innen und von außen und nass werden und lachen aber der Blick ins weite und freie blau macht Angst, macht Sehnsucht nach unten. Und weil ich taumel, weil ich unfertige Kreise liebe, weil mein Herz schlägt, weil ich fliegen kann, weil ich lebe, weil die Blumen so schön sind, weil ich mich anlehnen muss, weil frische Luft gut schmeckt, weil ich bei dir und du bei mir…aber nie niemals ist es die Sonne, die unser Wachs schmelzen lässt. Weitertaumeln.

 

 

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